Wenn ein Schisma herbeigeredet wird

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Original-Foto: Boris Ott/Flickr; Lizenz: CC BY-NC 2.0
Ich habe schon mehrfach darüber geschrieben, dass es um die Debattenkultur in der katholischen Kirche mehr schlecht als recht bestimmt ist. Ganz aktuell wird dies deutlich in der ‚Diskussion‘ über das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“: Vor einigen Tagen habe ich in der katholischen Tageszeitung „Die Tagespost“ einen Leitartikel zu eben diesem Thema entdeckt. Darin wird konstatiert, dass sich die katholische Kirche angesichts der hitzigen Diskussion um die ‒ im Nachgang an das päpstliche Schreiben entstandene ‒ Frage nach der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten bereits in einem schismatischen Zustand befände. Eine steile These, der ich vier Punkte entgegensetzen möchte.

Wird (wieder einmal) kritisiert: Papst Franziskus.
Hintergrund und Inhalt des Leitartikels sind schnell wiedergegeben. Anlass der Streitigkeiten ist, dass Papst Franziskus in „Amoris laetitia“ bestimmt hat, dass wiederverheiratete Geschiedene in bestimmten Fällen zu den Sakramenten zugelassen werden müssen. Diese Entscheidung hat zu einer langatmigen innerkirchlichen Debatte geführt, deren Höhepunkt ein offener Brief vierer Kardinäle an den Papst ist, in dem gefordert wird, „Ungewissheiten zu beseitigen und Klarheit zu schaffen“.

Dass der Papst auf diesen offenen Brief ‒ bewusst! ‒ nicht geantwortet hat, sorgt dafür, dass bestimmte innerkirchliche Kreise sich darin gerechtfertigt sehen, diesen öffentlich zu maßregeln. Die Denkfigur ist: Es gibt eine kirchliche Wahrheit; diese Wahrheit wird durch den Papst ignoriert. Deswegen bedarf es der inhaltlichen Korrektur des Papstes. Vor diesem Hintergrund muss auch der Leitartikel in der Tagespost gelesen werden.

Hier wird das Bild einer Kirche gezeichnet, in der jedermann tun und lassen kann, was er will. Wegen des Pontifikats Franziskus' gibt keine Autorität mehr, an der man sich orientieren kann ‒ zwischen unterschiedlichen Ortskirchen entstünden so unüberwindbare Gräben. Der Autor des Leitartikels kommt nicht umhin, dieses ‒ wohlgemerkt unmittelbar bevorstehende ‒ Szenario ein „faktisches Schisma“ zu nennen.

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht in die langwierige Debatte um „Amoris laetitia“ einschalten; die Diskussion wird andernorts bereits so ausführlich geführt, dass die zentralen Argumente bereits mehrfach (wenn auch in unterschiedlicher Färbung) ausgetauscht wurden. Auch die Frage, ob es rechtmäßig ist, den Papst öffentlich zu maßregeln, soll uns heute nicht interessieren. Was ich aber darlegen möchte, ist, dass die Kriterien für ein Schisma bisher nachweislich nicht erfüllt sind.

1. Auch wenn der Leitartikel ein Schisma geradezu herbeiredet, handelt es sich per definitionem eindeutig nicht um ein solches. Ja, die unterschiedlichen kirchlichen Lager erwecken nicht unbedingt den Eindruck, dass sie miteinander (!) ins Gespräch kommen wollen. Aber die formalen Kriterien für ein Schisma sind bei weitem noch nicht erreicht, wie ich im vergangenen Jahr bereits ausführlich erörtert habe (»hier).

2. Die Rede von den unterschiedlichen kirchlichen Lagern muss präzisiert werden, denn die Unterscheidung Konservativ↔Liberal verfehlt den Kern des Problems. Entscheidend ist vielmehr, dass sich in der kirchlichen Tradition bzw. der Theologiegeschichte unterschiedliche theologische Denkformen entwickelt haben, die auf die gleiche Frage (teilweise) unterschiedliche Antworten geben. Das bedeutet aber keineswegs, dass eine Denkform ‚katholischer‘ ist als die andere ‒ auch wenn man sich das gerne gegenseitig vorwirft.

3. In diesem Zusammenhang muss unbedingt gesagt werden: Anders als ihm vorgeworfen wird ‒ oft heißt es ja, der Papst sei (anders als sein Vorgänger) nicht in der Lage, ‚saubere‘ bzw. eindeutige theologísche Aussagen zu treffen ‒ äußert sich Franziskus sehr wohl in einer äußerst klaren Weise. Er tut dies aber nicht in einer rubrizistischen Art, sondern verdeutlicht, dass es eben nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern auch sehr viele Abstufungen und Schattierungen dieser zwei Farben. Isofern ist es nur konsequent, dass Franziskus nicht auf eine grundsätzliche und unhinterfragte Betonung der Gültigkeit kirchlicher Gesetze pocht, sondern den Blick auf den Einzelfall offen lässt.

4. Womit wir schon beim letzten Punkt sind: Wir erleben gewiss nicht zum ersten Mal, dass der Papst innerkirchlich kritisiert wird. Was (vor allem in der jüngeren Kirchengeschichte) hingegen ein Novum ist, ist der Stil der Kritik. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass einem Papst jemals vorgeworfen worden ist, er sei kein Theologe. Welchen Sinn und Zweck hat ein solcher Vorwurf in einer Debatte ‒ zumal er, mit Blick auf Punkt 2, nachweislich falsch ist? Dass man anderer Meinung sein kann als der Papst, ist meines Erachtens völlig legitim; inwiefern Polemiken tatsächlich der (eigenen) Sache dienlich sein sollen, leuchtet mir nicht ein.

Achtung: Der Leitartikel in der „Tagespost“, auf den ich mich beziehe, ist inzwischen nicht mehr frei verfügbar. Bei kath.net kann man jedoch noch eine Zusammenfassung des Artikels einsehen (»hier).

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