Die Ehe. Betrachtungen aus verschiedenen Blickwinkeln
Teil 2: Über die Annullierung der Ehe und die menschliche Identität

5 Kommentare
Da der erste Beitrag zur kleinen Reihe „Die Ehe aus verschiedenen Blickwinkeln“ nun genau drei Wochen alt ist, wird es Zeit für eine Fortsetzung. Dazu ist ein Thema – aus aktuellem Anlass – geradezu prädestiniert: Der Vatikan hat am Dienstag ein apostolisches Schreiben veröffentlicht, in dem festgesetzt wird, dass katholische, sakramentale Ehen zukünftig deutlich schneller und einfacher annulliert werden sollen als bisher. Im heutigen zweiten Beitrag der kleinen Reihe zur Ehe soll es also um eine kurze Betrachtung und Bewertung dieses Schreibens gehen. Ob die neue Anordnung tatsächlich der Weisheit letzter Schluss ist, kann – so viel sei an dieser Stelle bereits vorweggenommen – wohl bezweifelt werden.

Zu Beginn eine kurze editorische Anmerkung: Wenn ich mich im heutigen Beitrag mit der Annullierung der katholische Ehe beschäftige, dann ist eigentlich klar, dass ich zuvor den katholischen Ehebegriff eingeführt haben sollte. Ursprünglich war das tatsächlich auch der Plan (im ersten Beitrag der Reihe habe ich es ja erwähnt), nur ist das Thema des heutigen Beitrags so aktuell, dass ich gerne möglichst zeitnah darüber berichten möchte. Deswegen trete ich heute mit einem anderen methodischen, nämlich identitätstheoretischen (d. h. philosophischen) Zugang an das Thema heran.

Papst Franziskus

Was geschehen ist

Viel ist in den vergangenen drei Tagen geschrieben worden. Die einen sagen, dass das Motu Proprio „Mitis Iudex Dominus Jesus“ (Der gütige Richter Jesus) eine Revolution darstelle; die anderen sehen es als nicht mit der katholischen Lehre vereinbar an. Tatsächlich aber hat Papst Franziskus am Dienstag mit dem apostolischen Schreiben kein Kirchengesetz abgeschafft oder ein neues eingeführt, sondern ‚lediglich‘ die bestehende, 300 Jahre alte kirchliche Gesetzgebung modifiziert. War die Annullierung einer kirchlich geschlossenen Ehe bisher ein zumeist jahrelanger Prozess, der über mindestens zwei Instanzen geführt wurde, so wird dieser zukünftig verkürzt: Maximal ein Jahr soll ein solches Annulierungsverfahren fortan dauern, denn es kann nun bereits in einer Instanz (i. d. R. an einem Kirchengericht vor Ort – bisher mussten alle Fälle nach Rom delegiert werden) entschieden werden. Zudem soll das Verfahren für Paare weitgehend kostenfrei sein.

Der Unterschied: Scheidung und Annullierung

Diese Entscheidung kann getrost als eine Reaktion auf die Entwicklung der vergangenen 50, 60 Jahre verstanden werden, in denen die Zahl der Scheidungen in den meisten westlichen Gesellschaften stark angestiegen ist. Für das kirchliche Leben bleibt eine Scheidung bekanntlich nie ohne Konsequenzen, vor allem dann, wenn Geschiedene ein zweites Mal (dann lediglich zivil) heiraten: Sie werden von den Sakramenten ausgeschlossen, weil sie – formal – Ehebruch, d. h. eine schwere Sünde begangen haben (Anm.: diese beschreibenden Ausführungen sollen an dieser Stelle genügen; im kommenden Beitrag dieser Reihe werde ich dann auf die theologischen Hintergründe eingehen).

Bei einer Annullierung der kirchlich geschlossenen, sakramentalen Ehe stellt sich dieses Problem schlichtweg nicht: In einem solchen Verfahren wird die Ehe nicht geschieden; vielmehr wird anhand einiger Kriterien (z. B. Formfehler bei der Spendung des Sakramentes, u. v. m.) geprüft, ob die Ehe rechtmäßig geschlossen sowie vollzogen wurde. Wird mindestens einer dieser sogenannten „Nichtigkeitsgründe“ erfüllt, wird die Ehe für ungültig bzw. nichtig erklärt. Auf dem Papier hat es sie also – und das ist die Krux – de facto nie gegeben!

Identitätstheoretische Überlegungen

Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich niemanden kenne, der ein kirchliches Ehenichtigkeitsverfahren vollzogen hat. Die folgenden Überlegungen sind also nicht empirischer, sondern rein subjektiver Natur: Denn gerade aus einer person- bzw. identitätstheoretischer Perspektive stelle ich mir ein solches Verfahren als äußerst problematisch vor.

Portrait von René Descartes – Gemälde von
Frans Hals (1648)
 Lizenz: gemeinfrei
Diese Sorge hängt eng zusammen mit dem (philosophischen) Begriff der Person, bzw. Identität, auf den ich an dieser Stelle näher eingehen möchte. Die Philosophie der Neuzeit und der Moderne verfolgt im Hinblick auf den Personenbegriff – von verschiedenen, unterschiedlichen Akzentuierungen abgesehen – eine große, gemeinsame Linie. Angefangen von René Descartes, der das Denken seiner Zeit mit dem Postulat „Cogito ergo sum“ prägte, über Immanuel Kant, der den Begriff der Autonomie einführte und damit den deutschen Idealismus maßgeblich beeinflusste, bis hin zu heute noch lebenden Philosophen wie Dieter Henrich, der sich in seinen Schriften mit dem Selbstbewusstsein auseinandersetzt, wird deutlich: Das Bewusstsein ist die konstituierende Dimension des Individuums: Erst im Bewusstsein um sich selbst – d. h. im Selbstbewusstsein: Ich erkenne mich selbst als [...] – begründet sich das Individuum, das Person-sein, das Ich.

Unabhängig von der Frage, wo sich der Sitz des Bewusstseins befindet (aus der christlichen Perspektive ist wahrscheinlich die Seele die richtige Antwort, aber diese Diskussion würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen), ist nun interessant, wie sich das Bewusstsein expliziert. Entscheidend scheint mir in dieser Hinsicht die Dimension der Geschichte zu sein: das Bewusstsein – und somit das Individuum – muss als ein geschichtlich gegebenes sowie als ein sich in der Geschichte entfaltendes verstanden werden. Mit anderen Worten: Die Geschichte übt einen maßgeblichen Einfluss auf das Individuum aus. Das Ich wird durch die Geschichte, durch seine eigene Geschichte geprägt. Jeder Erfolg, jedes Scheitern hat folglich einen Einfluss auf das Individuum.

Angesichts dieser Erkenntnis dürfte nun deutlich sein, warum ich die Entscheidung des Papstes zur Vereinfachung des Ehenichtigkeitsverfahrens als problematisch erachte: Wenn wir davon ausgehen, dass das Wesen jedes Menschen durch seine Geschichte geprägt und beeinflusst wird, dann können wir sehr wohl auch davon ausgehen, dass der Mensch auch durch eine gescheiterte Ehe – seien wir ehrlich: um nichts anderes handelt es sich dabei, auch bei einer Annullierung! – geprägt wird. Wenn also eine Ehe für nichtig erklärt wird, d. h. formal nie wirklich existiert hat, dann handelt es sich bei einer solches Entscheidung meines Erachtens um einen gravierenden Eingriff in die Grundprinzipien der menschlichen Identität! Mit der Annullierung einer Ehe wird gleichsam ignoriert, dass das Scheitern nichts anderes als ein Grundakt menschlichen Handelns – und damit ein existentieller Bestandteil des Lebens – ist! Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das ‚Auslöschen‘ eines – im Zweifel sogar langjährigen – Lebensabschnittes für ein betroffenes Paar ohne (seelische) Folgen bleibt.

Abschließende Gedanken

Ich bin mir dessen bewusst, dass die Entscheidung aus Rom in erster Linie rein pastorale Gründe hat: Wer seine Ehe annullieren lässt, kann ein zweites Mal problemlos kirchlich heiraten; die Kirche wiederum muss sich keine Gedanken darum machen, wie sie den Ausschluss von den Sakramenten begründen und legitimieren kann – ich habe es hier im Blog ja bereits das eine oder andere Mal angesprochen: Vor allem wiederverheiratete Geschiedene fühlen sich durch den Ausschluss von den Sakramenten mehrfach diskriminiert und empfinden sich als minderwertige Christen. Im Sinne des jesuanischen Postulats der Barmherzigkeit kann das Motu Proprio aus Rom also durchaus begrüßt werden.

Gleichwohl muss auch festgehalten werden, dass die Ehenichtigkeitsverfahren, zumal sie in Zukunft wohl deutlich ansteigen werden, nichts anderes sind als verkappte „Scheidungen auf katholisch“ – auch wenn die formale Regelung eine andere sein mag. Und auch wenn meine zuvor aus den philosophischen Explikationen heraus formulierte Sorge – gerade wegen der verkappten Scheidung – übertrieben sein sollte (i. d. R. sind Paare, die sich trennen, froh, das entsprechende ‚Kapitel‘ abschließen zu können), ist sie zumindest nicht von der Hand zu weisen. Insgesamt kann ich deswegen nur feststellen, dass die Entscheidung aus dem Vatikan, auch wenn sie aus pastoraler Sicht ein Schritt in die richtige Richtung ist, bei weitem nicht alle Probleme in Bezug auf die Ehe löst – sie ist also keineswegs der Weisheit letzter Schluss.

Ich glaube, dass das hier tatsächlich der erste Beitrag hier im Blog ist, in dem ich mit einer dezidiert philosophischen Herangehensweise an ein – zumal kirchliches – Thema herantrete. Deswegen möchte ich euch zunächst ganz grundsätzlich die Frage stellen, ob ihr euch einen solchen Zugang auch für weitere Themen vorstellen könnt.

Falls ihr euch ein wenig intensiver mit dem Thema Individuum und Selbstbewusstsein beschäftigen wollt, kann ich euch folgenden Essay empfehlen:
DIETER HENRICH: Das Selbstbewußtsein und seine Selbstdeutungen, in: Ders. (Hg.): Fluchtlinien. Philosophische Essays. Frankfurt a. M. 1982, S. 99-124 (ISBN: 3-518-57600-3).

Ansonsten freue ich mich natürlich wie immer über eine Diskussion zum Thema selbst: Was sagt ihr über die Entscheidung aus Rom? Haltet ihr meine Einwände für berechtigt oder für übertrieben? Vielen Dank für eure Kommentare!

5 Kommentare

Simex 14. September 2015 um 18:49

Lieber Matija
Ich lebe in der Ehe. Sie gehört weder mir noch meiner Frau. Wir beide gehören Ihr und die Ehe uns. Es ist ein anderes Wort für den dreifaltigen
GOTT. Der ist weder nur männlich noch nur weiblich und doch läuft er in der ehe irgendwann
Aus Fleisch und Blut Als sein eigenes Kind umher.
In der Ehe werden Gegensätze eins, die Gegensätze heben sich nicht auf, sie fliessen wie
Zwei Flüsse in einen neuen.
Das ist Freud und Leid ineinem.
Ich glaube die meisten Menschen sehen in Gott
So auch Inder Ehe nur warmes Wasser
Aber nicht die Hingabe und das
Leid dass ihnen gott so beschert.
Man kann die ehe nicht in Gesetze meisten
Denn sie ist lebendig Und annulliert wird
Die ehe schon in dem Moment wo ein mensch
Habgierig nach seinem liebespatner Ehepartner oder einem anderen umsieht,
Da gebe ich jesus recht.
Es spricht Aber nichts Dagegen die Ehe für immer Zu schliessen.

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Matija Vudjan 14. September 2015 um 19:35

Lieber Simex,

vielen Dank für deinen Kommentar. Ich gebe dir in deiner Argumentation vollkommen Recht. Ich würde vielleicht nur davon sprechen, dass die Ehe nicht "annulliert" wird, sondern, dass sie geschieden wird oder dass sie scheitert. Das Problem, das ich in der Annullierung sehe, habe ich im Beitrag ja bereits angesprochen.
Dass die Ehe für immer geschlossen wird (weil sie ein Sakrament ist), sehe ich wie du. Da werde ich aber in den kommenden Tagen in einem weiteren Beitrag noch näher darauf eingehen.

Herzliche Grüße
Matija

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Simex 14. September 2015 um 19:38
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Matija Vudjan 14. September 2015 um 19:41

Lieber Simex,

ich habe mir erlaubt, diesen Kommentar zu löschen, weil er oben ja bereits in derselben Formulierung (mitsamt meiner Antwort) steht.

Herzliche Grüße
Matija

Antworten
Simex 15. September 2015 um 08:32

Lieber Matija,
Danke für die Antwort. Viellecht macht Es Dir auch Freude dass die Worte Für immer scheinbar unerreichbar sind Weil ohne Ende Also unendlich bzw. ewig.
Genauso unerreichbar wie der nächste allerkleinste Augenblick den wir nicht vorhersehen können, wir könen ja nicht alles überschauen. Und doch sagen wir danke wenn der Augenblick da ist Denn er Ist nicht selbstverständlich und wagen Den Anfang mit dem der uns anblickt so wie wir ihn.
Wir scheitern ständig sieben mal sieben mal am Tag weil wir dEisen Augenblick aus den Augen verlieren. Und doch war dieser liebevolle Augenblick die ganze Zeit auf uns gerichtet.
So dass wir dann heiraten Weil wir meinen uns schon seit einer Ewigkeit Zu kennen und Anfang und ende sind Mit einmal eins.
Das zu glauben kann man nicht annulieren man kann es bezweifeln oder verneinen aus angst es zu wagen Zu lieben.

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