Kirchentag 2015 – ein kurzer Rückblick

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Gestern Mittag ist der große Abschlussgottesdienst auf dem Cannstatter Wasen zuende gegangen – und damit auch der 35. deutsche evangelische Kirchentag in Stuttgart. Insgesamt fünf Tage lang haben etwa 250.000 Menschen intensiv gebetet, gesungen und diskutiert. Zeit also, ein kleines Fazit zu ziehen – der Schwerpunkt soll hierbei sowohl persönlich, als auch theologisch sein.

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Ich habe es ja bereits in meinem Bericht zum vierten Tag (siehe →hier) erwähnt, dass ich aus zeitlichen Gründen nicht am Abschlussgottesdienst teilnehmen kann. Auch wenn ich dies bedauerlich finde, weil es ein runder Abschluss gewesen wäre, mit den vielen tausenden Teilnehmenden zum Ende des Kirchentags noch einmal gemeinsam Gottesdienst zu feiern, habe ich ja thematisch jeden Tag des Kirchentages miterlebt. Deswegen möchte ich heute noch einmal auf vergangenen Tage zurückblicken und ein kleines Fazit ziehen.

Bevor ich dies jedoch tue, möchte ich noch einmal in Erinnerung rufen, wie ich meine Rolle auf dem Kirchentag verstanden habe. Drei Aspekte sind bzw. waren dabei entscheidend – in meinem ersten Beitrag zum Kirchentag (siehe →hier) habe ich diese ja bereits ausführlicher dargestellt, deswegen nenne ich sie an dieser Stelle nur noch einmal kurz: Erstens ist dies die Tatsache, dass ich bisher noch nicht Teilnehmer einer solchen Großveranstaltung war, zweitens die Tatsache, dass ich als Katholik (und zumal als Student der katholischen Theologie) einen ganz eigenen Blick auf das Kirchentagsgeschehen habe und drittens das Zeichen der Offenheit sowie der Ökumene, als die ich die Einladung zum Kirchentag empfunden habe. Ausgehend von diesen drei Aspekten möchte ich im Folgenden meine persönlichen Gedanken zum Kirchentag aufschreiben.

Das erste Mal Kirchentag

In meinen Berichten im Laufe der Kirchentags ist es bereits des Öfteren angeklungen: Gerade in der Stuttgarter Innenstadt herrschte (was sicherlich in großen Teilen auch am hervorragenden Sommerwetter lag) eine sehr ausgelassene Stimmung, die beinahe einen Volksfest- oder Festivalcharakter hatte. Wenn ich also sage, dass der Kirchentag in den vergangenen Tagen tatsächlich und wirklich gefeiert worden ist, dann ist das nicht eine bloße Feststellung, sondern es verbirgt sich dahinter die Tatsache, dass sich Menschen wegen ihres Glaubens begegnen und ihr Glauben Anlass für ihr Miteinander ist. Ein sehr schönes Bild, wie ich finde.

In den konkreten Veranstaltungen selbst hat sich diese Wahrnehmung jedoch nicht bestätigen können. Dies liegt sicherlich daran, dass ich im Großen und Ganzen nur Veranstaltungen mit einem theologischen oder soziologisch-politischen Themenschwerpunkt besucht habe – anders als im Freien gab es hier tatsächlich auch kaum jüngere Teilnehmer, geschweige denn Jugendliche. Allerdings habe ich hier durchgehend eine sehr starke Konzentration und Fokussierung (die sich vor allem an einer starken Beteiligung dargestellt hat) unter den Teilnehmenden vernommen. Auch auf diese Weise wurde der Kirchentag – und vor allem die diesjährige Losung – in besonderer Weise gewürdigt: Klug, oder zumindest klüger geworden sind die Teilnehmenden sicherlich. Erkenntnis aus dem Glauben heraus: auch das ist für mich eine besondere Erkenntnis – gerade in Verbindung zum Festcharakter auf der Straße.

Die katholische und ökumenische Perspektive

Die katholische sowie die ökumenische Perspektive auf den Kirchentag möchte ich an dieser Stelle gerne zusammenfassend beschreiben, weil die beiden Aspekte – zumal beim evangelischen Kirchentag – sehr stark ineinander übergreifen. Gerade aus meiner persönlichen katholischen Perspektive heraus habe ich den Eindruck gewonnen, dass der Kirchentag sehr viel ökumenisches Gedankengut in sich trägt: Angefangen vom Eröffnungsgottesdienst, bei dem der katholische Bischof Gebhard Fürst ein Grußwort sprach, über die vielen Bibelarbeiten, die von Katholiken geleitet wurden, über die vielen Katholiken, die selbst (Gesprächs-)partner auf den Podien und bei Vorträgen waren, bis hin zur aktiven Mitwirkung der Stuttgarter Domgemeinde am Kirchentagsgeschehen: All dies verdeutlicht – auch angesichts der nachweislich vielen Katholiken, die am Kirchentag teilgenommen haben –, dass sowohl evangelische als auch katholische Kirche den Kirchentag als Möglichkeit verstanden haben, intensiv miteinander ins Gespräch zu kommen, anstatt sich voneinander abzugrenzen.

Wie wichtig dies tatsächlich ist, habe ich selbst in den vielen Veranstaltungen bemerkt, die ich besucht habe, und in dieser Hinsicht vor allem beim Fronleichnamsgottesdienst am Donnerstag (der ja integraler Bestandteil des Kirchentags war, wie ich bereits →hier berichtet habe): Der evangelische Stadtdekan Søren Schwesig trug während der Fronleichnamsprozession das Evangeliar und erinnerte in seinem Grußwort bei der Statio daran, im ökumenischen Gespräch einen viel intensiveren Blick auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Kirchen zu richten, als sich permanent in den Streitigkeiten um die Differenzen zu verfangen. Ich bin mir sicher, dass es eine Aussage aus der Tiefe seines Herzens war, als er kund tat, dass es ihm eine Ehre sei, als evangelischer Stadtdekan an den Fronleichnamsfeierlichkeiten teilzunehmen, dass es ihn gleichwohl sehr geschmerzt habe, bei der Messe nicht am Altar mitwirken zu können!

Das ist für mich – in der ökumenischen Perspektive – die zentrale Aussage dieses Kirchentages! Ich weiß, dass ich mich jetzt auf (zumal sehr dünnes) Glatteis begebe, aber: Die Antwort auf diesen Wunsch, der aus der Tiefe des Herzens kommt und den hierzulande sehr viele Christen träumen, kann nicht eine sein wie „Solange du unser Eucharistieverständnis nicht akzeptierst, gibt es hier keine Möglichkeit“! Versteht mich an dieser Stelle bitte nicht falsch: Ich möchte nicht für eine (sofortige) gemeinsame Abendmahlsfeier plädieren, sondern dafür, dass wir uns als katholische und evangelische Christen gemeinsam an einen Tisch setzen und über diesen zentralen Aspekt unseres Glaubens diskutieren und streiten – und dann eines Tages vielleicht tatsächlich zu einem Konsens gelangen, wie auch immer dieser aussehen mag (Anm. am Rande: Auch zwischen der Katholischen sowie der Orthodoxen Kirche herrscht ein unterschiedliches Eucharistieverständnis, und doch ist in Einzelfällen eine gemeinsame Eucharistiefeier möglich).

Das ist für mich der Geist, von dem der Kirchentag geprägt gewesen ist, und der die Kirche leitet – und den ich in Stuttgart tatsächlich in neuer Weise kennengelernt habe. Und das ist für mich die Botschaft, die vom Kirchentag in die (christliche) Welt hinausgeht: Geht aufeinander zu und schätzt euch gegenseitig! Seid euch immer dessen bewusst, dass euch deutlich mehr Gemeinsamkeiten verbinden als Unterschiede trennen! Eine Botschaft, die angesichts der zukünftigen Veränderungen wichtiger erscheint denn je!

Ein kurzes Fazit

Nach insgesamt fünf Tagen Kirchentag in Stuttgart kann ich sagen: Viele Themen und Aspekte der Veranstaltungen, die ich besucht habe, kannte ich bereits. In der Hinsicht habe ich also nicht unbedingt viel gelernt. Gelernt habe ich aber äußerst viel über die Perspektive, wie man sich diesen Themen nähern kann. In dieser Hinsicht kann ich deswegen zusammenfassend sagen, dass ich beim Kirchentag in Stuttgart – gemäß der Losung „damit wir klüger werden“ (Ps 90) – wirklich klüger geworden bin: Ich habe festgestellt, dass der Glaube auch heute noch Massen versetzten kann. Ich habe eine neue Perspektive des (theologischen) Arbeitens kennengelernt, die mir auch im Hinblick auf mein Studium sicherlich weiterhelfen wird. Ich habe festgestellt, dass Ökumene tatsächlich nicht nur eine leere Phrase sein muss, sondern wirklich gelebt werden kann.

Und ich habe festgestellt, dass ich mich schon jetzt auf den Kirchentag 2017 freue!

Mit diesem zusammenfassenden Beitrag beende ich meine kleine Berichterstattung vom 35. dt. evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Ich hoffe, euch hat diese Form des Berichtens – die es in dieser Weise im Blog tatsächlich das erste Mal gegeben hat – gefallen, und dass ich euch ein Stück weit an meinem persönlichen Prozess des „klüger werdens“ beteiligen konnte. Und ich hoffe auch, dass ich – in welcher Form auch immer – auch vom Kirchentag 2017 berichten werden kann! Bis dahin könnt ihr mir ja gerne in den Kommentaren schreiben, wie euch diese kleine Reihe gefallen hat. Ich freue mich auf eure Rückmeldungen!

4 Kommentare

Kurt C. Hose 8. Juni 2015 um 14:47

Auch ich freu mich schon auf den nächsten Kirchentag. Zum Glück müssen wir ja gar nicht bis 2017 warten, zwischendurch gibt es ja noch den Katholikentag 2016 in Leipzig.

Antworten
Matija Vudjan 8. Juni 2015 um 18:25

Hallo Kurt,
das stimmt natürlich! Auf Leipzig 2016 freue ich mich auch schon besonders! Ich hoffe, dass der nächste Katholikentag auch vom selben (ökumenischen) Geist geprägt sein wird wie Stuttgarter Kirchentag!

Übrigens: Ich wollte den Katholikentag natürlich nicht unterschlagen, hab ihn aber deswegen nicht erwähnt, weil es mir (vom katholischen Standpunkt aus) um die Besonderheit der vergangenen Tage ging/geht.

Herzliche Grüße
Matija

Antworten
Thomas Jakob 8. Juni 2015 um 18:41

Interessant, mal zu lesen, wie sich Ökumene auf der katholischen Seite anfühlt. Zum Thema Abendmahl/Eucharistie kann ich nur unterstreichen, was Du schreibst. Als Laie kann ich dazu nichts beitragen, aber die Theologen beider Seiten müssen da doch wohl eine integrationsfähige Lösung finden können.

Antworten
Matija Vudjan 8. Juni 2015 um 21:12

Hallo Thomas,
vielen Dank für den Kommentar! Es freut mich, dass von evangelischer Seite ähnlich zum Thema Abendmahl/Eucharistie gedacht wird.

Herzliche Grüße
Matija

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