Was ein Theologe auf Norderney lernen kann. Ein Reisebericht

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Wer mir auf Twitter oder auf Facebook folgt, hat es bereits mitbekommen: In der Osterwoche war ich auf der Insel Norderney. Nicht, um dort Urlaub zu machen, sondern wegen einer Studienreise. Was genau ich auf Norderney gemacht habe und warum ich diese Reise – gerade als Theologe – als sehr inspirierend erfahren habe, berichte ich euch heute.

Zu Beginn sei kurz vorweggenommen: der heutige Beitrag wird anders als die sonstigen, nämlich deutlich persönlicher. Auch sonst sind die Beiträge hier im Blog beeinflusst von meinen alltäglichen Erlebnissen, Begegnungen und Gedanken. Heute aber geht es ein Stück weit um meine persönliche Biografie. Warum, wird gleich noch deutlich werden.

Biografische Vorbemerkungen

Ein klarer Blick auf die Nordsee klärt auch viele Gedanken.
Ich bin Theologe. Beziehungsweise Student der Theologie. Aus Überzeugung. Ihr wisst das, und ich denke, dass das in den Texten und Beiträgen, die ich hier im Blog veröffentliche, deutlich wird. Was der Großteil von euch nicht, weiß, ist, dass ich neben meinem Studium noch eine weitere Ausbildung mache: An der bischöflichen Kirchenmusikschule in Essen bin ich Student der C-Ausbildung, die für den nebenberuflichen Organisten qualifiziert. Ich erzähle das heute, weil es zum einen der Grund für meine Reise nach Norderney gewesen ist und zum anderen – und das ist grundsätzlicher und somit von größerer Bedeutung – ein Pendant zu meinem Theologiestudium darstellt.

Das Studium der Theologie – ich nehme mir an dieser Stelle die Freiheit heraus, das konfessionsübergreifend festzuhalten – ist ein sehr theoretisches. Themenfelder wie zum Beispiel die Zwei-Naturen-Lehre, die Transsubstantiationsproblematik mit der darin innewohnenden Leib-Seele-Frage oder die Vernunftkritik Kants (auch die ist – obwohl eine philosophische Schrift – für Theologen von Bedeutung, aber dazu, bzw. der Rückbezogenheit der Theologie auf die Philosophie , in den nächsten Beiträgen mehr) haben, wenn man über Konsequenzen und Folgen nachdenkt, durchaus einen praktischen Bezug, sind aber in erster Linie systematische Fragestellungen und haben insofern zunächst den Charakter theoretischer Grundlagen.

Es ist keineswegs so, dass mich dies belastet oder gar überfordert; im Gegenteil: ein Traum wäre es für mich, eines Tages in der Theologie zu promovieren! Aber es ist für mich nun einmal so, dass ich neben der großen Menge an theoretischen, systematischen Überlegungen, mit denen ich mich täglich befasse, die für mich sicherlich auch eine Art Lebensanker sind, ein Gegenüber – oder, um im Bild der Metapher zu bleiben – einen Gegenanker brauche. Dieser Gegenanker ist für mich die Kirchenmusik bzw. das Orgelspiel. Nicht nur, weil das Studium an der Kirchenmusikschule ein in besonderem Maße inspirierendes ist, sondern auch und vor allem, weil es in vielerlei Hinsicht eine praktische Umsetzung und Anwendung meines Theologiestudiums darstellt. In besonderer Weise ist mir das in der vorletzten Woche, die ich mit den anderen Studierenden der BKMS auf Norderney verbracht habe, deutlich geworden. Zwei Aspekte möchte ich dabei im Folgenden sehr gerne näher beschreiben:

Die Kirchengemeinde auf Norderney

1156 Katholiken leben derzeit (Stand: November 2014) auf Norderney. Zur Einordnung: Die Insel hat etwa 6000 Einwohner. Von einer Diasporasituation, wie sie einige Zeitgenossen für die Insel postulieren, kann man bei einem Katholikenanteil von 20 Prozent also kaum sprechen. Dennoch ist die Gemeindesituation auf der Insel nicht mit der einer klassischen Pfarrei oder Gemeinde zu vergleichen: Im Bistum Essen umfasst die größte Pfarrei 40.000 Katholiken – freilich sind auch die Gemeinden innerhalb der Pfarrei um einiges größer als die Gemeinde auf Norderney.

Alles andere als ein „üblicher“ Gottesdienst

Ob die (verhältnismäßig kleine) Größe der Hauptgrund ist, kann ich selbstredend nicht abschätzen, ich habe aber während unseres Aufenthaltes auf der Insel gemerkt, dass die Inselgemeinde eine sehr lebendige ist. Die Sommerkirche „Stella Maris“, in der ich am Vorabend des Weißen Sonntags eine Hl. Messe mitgefeiert habe, fasst etwa 700 Plätze. Die Kirche war – nochmals: an einer Vorabendmesse! – beinahe vollständig besetzt (wohlgemerkt: Anfang April ist die Zahl der Urlauber auf der Insel tendenziell noch gering). Dementsprechend feierlich – und für mich auch in besonderer Weise inspirierend – war die Messe; auch, weil sie vollkommen anders als üblich begonnen hat: Der Zelebrant ist ohne liturgische Kleidung in der Kirchenraum eingezogen und hat sich – als sichtbares Zeichen angesichts des Weißen Sonntags – am Altar eingekleidet. Dabei hat er die Einzelteile des liturgischen Gewandes sowie die theologische Bedeutung dessen erläutert. Neben dieser „Besonderheit“ waren auch die Gesänge während der Messe sehr feierlich, denn sie wurden von allen Mitfeiernden mitgesungen. Dass der Gottesdienst letztlich deutlich länger gedauert hat als eine „übliche“ Vorabendmesse, hat – so zumindest mein Eindruck – niemanden gestört. Das Gegenteil war der Fall!

Ein Kirchenraum, der Liturgie „spricht“

St. Ludgerus im Stile des „Communio-Raumes“.
Neben „Stella Maris“ gibt es auf Norderney noch ein weiteres katholisches Kirchengebäude: Die Pfarrkirche St. Ludgerus wurde 1884 eingeweiht. 2008 wurde die Kirche renoviert; der Innenraum der Kirche wurde dabei im Stile des „Communio-Raumes“ neu konzipiert. Bei diesem Raumkonzept (auf dem Bild links könnt ihr erkennen, wie er in etwa aussieht – wenn ihr weiter dazu informieren wollt, könnt ihr →hier nachschauen) werden, anders als in den meisten katholischen Kirchenräumen, die Beschlüsse und Forderungen des II. Vatikanischen Konzils sowie der Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ in besonderer Weise aufgegriffen (Eine Anmerkung am Rande: Der Kirchenraum hat für die Feier der Liturgie eine elementare Bedeutung; darauf werde ich in demnächst noch eigens in einer neuen Reihe eingehen). Im Zuge meines Studiums habe ich mich schon länger mit dem Kirchenraum im Allgemeinen sowie dem „Communio-Raum“ im Spezifischen beschäftigt. Deswegen war es für mich ein besonderes Erlebnis, eine praktische Umsetzung dieses Modells kennenzulernen, zumal dieser – und das erachte ich als sehr wichtig – von der Gemeinde angenommen und aktiv genutzt wird:

In St. Ludgerus hat unsere Gruppe von der BKMS jeden Tag das Stundengebet gefeiert – Anmerkung am Rande: Ich sage an dieser Stelle bewusst „gefeiert“ und nicht „gebetet“: Das würde dem Charakter des Stundengebetes meines Erachtens nicht gerecht werden. Dies haben wir aber nicht alleine im geschlossenen Kreis getan, im Gegenteil: Es waren immer auch örtliche Gemeindemitglieder anwesend. Ich habe dies als ein besonderes Zeichen der Offenheit und des Interesses seitens der Inselgemeinde wahrgenommen, das die Lebendigkeit der Gemeinde nochmals in besonderer Weise verdeutlicht. Dies hat sich auch an der recht hohen Zahl der Besucher der zwei Konzerte gezeigt, die unsere Gruppe am Freitag- und Samstagabend aufgeführt hat.

Kirchenlied und Spiritualität

Damit bin ich beim zweiten Teil dieses (nicht mehr ganz so kurzen) Berichtes angelangt. Die beiden Konzerte waren nämlich geprägt von unserer Arbeit während der Zeit auf Norderney. Diese wiederum war geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit den Anforderungen an den Kirchenmusiker (unter anderem haben wir uns mit Chorleitung, Dirigieren, Stimm- und Sprechbildung sowie Chorgesang beschäftigt), aber eben auch – und das ist das besondere einer solchen Werkwoche, die es jedes Jahr an Ostern gibt – mit dem Arbeits- und Schaffensbereich von Menschen, die in besonderer Weise mit der Kirchenmusik – in welchen Maße dann auch immer – beschäftigt sind.

In diesem Jahr waren dies Dennis Hansel aus Düsseldorf, der mit uns – „vergessene“, d. h. heute nicht mehr gesungene bzw. nicht ausreichend gewürdigte – Chormusik aus dem vergangenen Jahrhundert erarbeitete (das ist keineswegs uninteressant, aber für mein heutiges Anliegen eher weniger von Belang, weswegen ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen möchte) und Barbara Kolberg, die bis 2013 Münsterorganistin in Freiburg war und sich seitdem mit der Vertonung von (hauptsächlich) geistlichen Texten auseinandersetzt. Schwerpunktmäßig handelt es sich dabei um Gedichte der (inzwischen verstorbenen) Schweizer Benediktinerin Silja Walter – einige dieser Vertonungen sind im neuen „Gotteslob“ erschienen; ein ganzes Heft mit den Kompositionen Barbara Kolbergs ist im Carus-Verlag unter dem vielsagenden Titel „Wer dir singt, wird dich finden“ erschienen (siehe →hier).

Barbara Kolberg sagt von sich selbst, dass ihre Kompositionen Zeugnis ihres persönlichen Glaubens und ihrer Spiritualität sind. Das macht nicht nur der Titel ihres Liedheftes deutlich, sondern das wird nahezu greifbar, wenn man ihr dabei zuhört, welche Gedanken sie beim Entstehungsprozess ihrer Kompositionen hat und vor allem, wenn man sie dann diese Lieder spielen hört. Gerade für mich als Theologe war diese Begegnung eine wahrlich wichtige sowie erkenntnisreiche, hat sie mir doch aufgezeigt, dass Spiritualität eine grundlegende Kategorie christlichen Lebens ist; und zwar in ganz besonderer Weise für Theologinnen und Theologen. Zumal Barbara Kolberg auch einige der Texte Karl Rahners vertont hat – wer die Schriften Rahners kennt, weiß um ihre theologische Dichte und Tiefe. Eine schönere Würdigung eines Textes kann ich mir kaum vorstellen!

Zusammenfassende Gedanken

Ich habe es zu Beginn ja bereits vorweggenommen: der heutige Beitrag ist aus einer sehr persönlichen Warte verfasst. Grund dafür ist, dass ich mir seit längerer Zeit Gedanken über die gesellschaftliche und (inner-)kirchliche Rolle der Theologie mache. Auf Norderney ist mir in dieser Hinsicht sehr viel bewusst geworden – wohlbemerkt auf einer sehr persönlichen Ebene (die jetzt folgende Folgerung ist keine allgemein verbindliche und kann auch keine sein!): Eine Theologin oder eine Theologe sollte seine Spiritualität, seine Glaubensfreude nicht verlieren! Die Theologie als Wissenschaft stellt meines Erachtens hier in gewisser Weise eine Gefährdung dar: Man kann im Kleinklein der Wissenschaft den Blick für das große Ganze verlieren! Man kann auch ohne ausgeprägte Spiritualität, ja gar, ohne gläubig zu sein, Theologe sein. Die Frage ist aber: Ist man dann ein gutes Theologe? Meine Antwort darauf habe ich auf Norderney gefunden. Und ich bin dafür sehr dankbar.

Nach diesem langen und sehr persönlichen Beitrag interessieren mich zwei Dinge: Stimmt ihr mir 1. zu, dass Theologie grundsätzlich spirituelle Aspekte nicht außer Acht lassen sollte? Und habt ihr 2. auch schon eine solch lebendige Gemeinde erlebt wie die auf Norderney? Oder vielleicht ist die Situation in eurer Heimatgemeinde genau eine solche? Ich freue mich sehr, wenn ihr mir schreibt!

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