Wir alle sind Charlie. Zum Terroranschlag in Paris

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In den letzten Tagen habe ich hier im Blog geschwiegen. Nicht, weil ich nichts sagen wollte zum Terroranschlag in Paris. Sondern, weil ich nicht konnte, weil mir schlicht und ergreifend die Worte fehlten für das, was im Herzen Frankreichs geschehen ist. Auch jetzt bin ich noch sprachlos ob des Attentats in der Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ – trotzdem möchte ich versuchen, meine Gedanken zu dieser Katastrophe in Worte zu fassen.

Machen wir uns nichts vor. Der Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ am Mittwoch ist ein Stich in das Herz des gemeinschaftlichen Europa – ein Angriff auf die Grundwerte unserer demokratischen Gesellschaft. Am Mittwoch ist das Feuer nicht nur auf eine französische Redaktion eröffnet worden, sondern auf die gesamte französische und europäische Gesellschaft. Selten war ein Satz wahrer als folgender: „Nous sommes tous Charlie. – Wir alle sind Charlie.“

Beim Trauermarsch in Paris vor drei Tagen.
Oft habe ich schon in Katastrophensituationen den Satz gehört, dass alles Leid auch etwas positives in sich trage. Vielleicht mag dieser Satz etwas Wahres in sich tragen. Ich finde ihn aber schlicht makaber angesichts von acht getöteten Redakteuren; acht Menschen, die sterben mussten, weil sie die Ideale Europas und der französischen Revolution, „liberté, égalité, fraternité“ lebten wie vielleicht kaum jemand anderes.

20 Menschen sind seit Mittwoch auf brutalste Weise umgebracht worden. Mindestens zwölf sind verletzt worden, einige davon sogar schwer – sie befinden sich noch in Lebensgefahr. Dass der Polizist, der die Redaktionsräume von „Charlie Hebdo“ bewachte, Muslim war, offenbart im Übrigen: Diese Menschen haben ihr Leben nicht im Namen des Islam gelassen, sondern im Namen eines menschenverachtenden Terrors!

Mich schmerzt es in der Seele, wenn Menschen wie die „Front National“-Vorsitzende Marie Le Pen oder Teile der AfD sowie von Pegida in diesen Tagen in ihren kruden Thesen bewahrheitet sehen, der Terror in Paris sei ein muslimischer, da ja der Islam sei an sich eine terroristische Religion, zumindest aber eine Religion der Gewalt sei – in ähnlicher Weise habe ich diesen Satz in den vergangenen Stunden leider auch in meinem persönlichen Umfeld hören müssen.

„Je suis Charlie. – Ich bin Charlie.“
Umso mehr bin ich in diesen Stunden beeindruckt von der Reaktion des Großteils unserer Gesellschaft – sei es in Frankreich oder in anderen Teilen Europas. Die Menschen solidarisieren sich nicht nur mit „Charlie Hebdo“, das momentan ohne Zweifel das Sinnbild für die Meinungsfreiheit ist, gleichzeitig aber auch mit unseren muslimischen Mitbürgern, wissend, dass der Terrorakt vom Mittwoch durch eine Religion der Liebe und der Barmherzigkeit (und das ist der Islam!) nicht legitimiert, geschweige denn gerechtfertigt sein kann, sondern einzig und allein aus und durch Hass entstehen kann. Durch puren Selbsthass!

Insofern ist es auch ein wichtiges Zeichen (das ich sehr begrüße), dass außerordentlich viele muslimische Persönlichkeiten in diesen Tagen den Terrorakt in Paris auf das Schärfste verurteilt haben. In Paris hat ein Imam zu Demonstrationen gegen den Terror aufgerufen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat angesichts des Attentats zu einer Mahnwache für Weltoffenheit und Toleranz am Dienstag vor dem Brandenburger Tor aufgerufen. In Dresden sind heute 35.000 Menschen auf die Straße gegangen, um für eine weltoffenere Gesellschaft zu demonstrieren. All das ist wohl die beste Antwort auf den Terror, der uns am Mittwoch erschüttert hat.

Meinungs- und Redefreiheit ist ein sehr hohes Gut. Ich persönlich schätze es als höchstes Menschenrecht ein, noch vor der Religionsfreiheit. Die Reaktion der Bürger Europas auf den Terroranschlag zeigt: Wir sind bereit und gewillt, für diese Freiheit zu kämpfen. Es kann nicht sein, dass ein Autor oder ein Redakteur heute fürchten muss, mit seinem Leben zu bezahlen, nur weil er etwas kritisches (im aktuellen Fall über den Islam) geschrieben oder gezeichnet hat.

Der große Kurt Tucholsky hat einmal gesagt: „Satire darf alles.“ Ein Satz, dem ich zu 100 Prozent zustimme, den ich aber ein wenig umformulieren möchte: Jemand, der die Religionsfreiheit ernst nimmt, muss der Satire, muss dem Journalismus alles erlauben! Die Mohammed-Karikaturen, die „Charlie Hebdo“ des Öfteren gedruckt, waren für viele Muslime sicherlich in hohem Grade verletzend. Ich habe gestern auch zwei anti-kirchliche Karikaturen des Magazins gesehen, die mich in meinen religiösen Gefühlen verletzen, die ich schlicht und ergreifend widerlich finde. Aber: Eine Religionsgemeinschaft, die an einen liebenden und barmherzigen Gott glaubt, muss über so etwas aber hinwegsehen können! Wie sagte Jesus am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23, 24)

Die Antwort auf (terroristische) Gewalt kann niemals Gewalt sein – ein Feuer löscht man niemals mit einem Feuer! Die Antwort ist einzig und allein, für seine Werte und Überzeugungen einzustehen. Auf Twitter habe ich dazu folgenden Satz gelesen: „Sie wollten uns zum Schweigen bringen. Sie bekamen nur eine Minute.“ In diesem Sinne – und im Gebet für die 20 Verstorbenen verbleibend: Nous sommes tous Charlie. Wir alle sind Charlie.

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